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Leben in Briefen und Bildern
200 Nachlässe von Frauen erzählen Geschichten von Liebe, Krieg, Angst, Verfolgung und dem Leben, wie es früher war.
Edith Saurer (li) und Li Gerhalter haben rund 37.000 Stücke in ihrem Archiv an der Universität Wien.
Tagebücher, Briefe, Fotos und Postkarten von Frauen sind fein säuberlich in Kisten sortiert und können wissenschaftlich bearbeitet werden.
Theresia Vogt führte eine Getreidemühle und einen Bauernhof in Bad Pirawarth in Niederösterreich. Ihr Tagebuchbestand umfasst sieben Bände aus dem Zeitraum von September 1946 bis Juli 1979.Ihr Sohn Willi wird in Russland vermisst: „Es ist punkt 8h Abends, heut’ geh’ ich aber lange noch nicht schlafen, weil ich noch Wäsche rumpele damit ich dann vor’m Schlafengeh’n nicht vergesse, wünsche ich Dir jetzt schon, einen guten Abend, eine recht gute geruhsame Nacht, nebst angenehme Ruhe, schlaf wohl mein Sohn u. träume süß mein lieber, gefangener Willi (hoffentlich v. Deinen Lieben daheim u. v. D. wunderschönen Heimat) im fernen, fernen Osten!“
Die schriftlichen Zeugen einer vergangenen Zeit sind nicht nur spannend zu lesen. Sie geben auch Aufschluss über politische Ereignisse, Probleme der Zeit und gesellschaftliche Veränderungen.
Manche Frauen haben ihr Tagebuch von Jugend an bis ins hohe Alter geführt. Die Wiener Musikerin und Schriftstellerin Therese Lindenberg hat sogar 60 Bände aus einem Zeitraum von sieben Jahrzehnten hinterlassen. „Gestern total Keller. In der Nacht (2. im Keller) Bombardement um ½ 3 h. Kein Schlafen mehr und auch kein Hinaufgehen mehr. Oben Sonne. Die 3. Nacht schwer. Ich betete durch. Ach, dann das wütende Trommelfeuer. Die Kellerluft macht mich dumpf und starr. Ist es wahr, draußen soll es blühen und Vöglein singen?“
„Wir-Tagebuch" von Mathilde Hübner, Lehrerin in Wien, und ihrem Verlobten im März 1906: „Du! Jedes Begehren ruft in mir erhöhtes Begehren hervor, es ist oft ein Jauchzen in uns, wenn wir uns gegenüberstehen, ein Siegeslied der Liebe. Unsere Augen strahlen, sie blenden einander, es wird dunkel um mich – die Schranken, ich hatte sie vergessen ... Wir müssen warten, sagtest Du. Es gibt kein herberes Wort. Wir küssen uns und verstehen unsere Küsse – sie müssen so sein, wir könnten uns nicht anders küssen. Schlafe, mein König, sei ruhig Geliebter, wir sind beieinander und wir zertrümmern die Schranken. Ich liebe Dich, ich liebe Dich unsäglich!“
Lilli Wehle wuchs in der großbürgerlichen Umgebung einer Wiener Fabrikantenfamilie auf. Sie erhielt eine liberale Erziehung, besuchte die Mädchenschule von Eugenie Schwarzwald, lernte Radfahren und betrieb Wintersport.
15. Feber 1905, Mädchentagebuch von Lilli Wehle: „Am 14. Feber, es war Dienstag, habe ich dieses Tagebuch bekommen, und zwar von der Tante Rosa und vom Onkel Ludwig aus Budapest. Sie bleiben nur 1-2 Tage hier und fahren dann nach Nizza, wo ich als weitgereiste ,Dame' auch schon war. Ich hab noch eine Nußschale mit Bildern von der St. Louiser Ausstellung, leider mit englischer Erklärung, die ich nicht lesen kann. Die Mutti, so nenn ich meine Mama, hat einen wunderschönen Fächer und eine Schachtel Kugelzuckerln bekommen.“
Bernhardine Alma, Tagebuch im März 1938: „Gott schütze mein Österreich, das waren die letzten Worte Schuschniggs am Mikrofon. Dann stürzte die Strafe Gottes in der Hakenkreuz-Hitlerpsychose über uns. Ich will versuchen, klar zu schreiben – trotzdem der Traum, dieser wilde Traum, noch immer da ist, trotzdem ich noch nicht klar denken kann. An diesem Nachmittag vollzog sich das Furchtbarste, was seit der Kreuzigung Christi auf Erden geschah. Wie ich Samstag einkaufen gehe und schaue, ob denn noch nichts bekannt gegeben ist, wo man wählen kann, sehe ich so viel Hakenkreuze – und seh’ in der Zeitung die widerlichen Aufschriften – kaufe mir eine – kann’s und kann’s nicht glauben. Sehe mehr und mehr Hakenkreuze – und langsam kommt das Begreifen. Österreich verkauft und verraten – Österreich dem Antichrist ausgeliefert. Wie betäubt erledigte ich, was ich brauchte, kam nach Hause. Kann man solche Stunden schildern? Nachmittags Beichte beim Gundl in meiner Stephanskirche. Hab geweint und geweint. Der Gundl hat mir so gut zugeredet. Christus lenkt ja die Welt. Die Madonna ist die Schützerin Österreichs!“
Marianne Hütter schrieb ein Tagebuch für ihre Tocher: „Nach genau 20 Wochen, am 23.1.1934, habe ich mein Kleines zum ersten Mal gespürt, um 5 Uhr Nachmittag. Ich freute mich sehr über dieses erste Lebenszeichen, denn ich hatte es schon mit Sehnsucht erwartet. Mir ging es während dieser ganzen Zeit sehr schlecht, da ich ja nicht gesund war, ich war aber trotzdem glücklich und freute mich sehr auf mein Kindchen. Am 29.Mai in der Nacht hat sich das Kind gesenkt und am 30. um 5 Uhr früh fuhr ich mit dem Personenzug nach Wien. Die starken Wehen fingen diesen Tag (Mittwoch) um 15 Uhr an. Ich lag zuerst in einem kleinen Zimmer, da war Herzi noch bei mir. Später kam ich in den großen Saal mit 10 bis 15 Betten. Da sah ich eine Entbindung nach der anderen, ich musste die ganz Nacht schrein, es kümmerte sich aber kein Mensch um mich.“
Marianne Hütter war mit einem Militärangehörigen verheiratet. Sie lebte in Krems und Eggenburg in Niederösterreich und schrieb zahlreiche Kindertheaterstücken. Ihr Tagebuchbestand war zum Großteil in stenographischer Schrift verfasst und später von Marianne Hütters Tochter mit Computer abgeschrieben. „Herta, Helga oder Gertrude. Schließlich hat mir Trude oder Gerti am besten gefallen. Um etwa 7 Uhr werde ich vom Kreissaal hinüber ins Zimmer geführt und hab dabei das erste Mal mein Mäderle im Arm. Ich studiere genau sein Gesichtlein. Es ist rot, so winzig klein, und hat an der Schläfe und am Kopferl Spuren von der schweren Geburt. Die Haare sind dunkel und lang, die Äuglein blau und das Näschen ist ein richtiges Stupsnäschen.“
Tagebucheintrag von Josefine Stegbauer, Februar 1906: „Ich weiß nicht, ob die Zukunft rechtfertigen wird, dass ich diesen Tag in Glückskleeblätter gerahmt. Denn ich kann mir keinen Beruf vorstellen, zu dem es mich weniger zöge, als zu dem einer Lehrerin. Aber ich habe doch wieder ein Ziel und das ist viel wert. Und obwohl ich innerlich nichts als namenloses Bangen habe, so will ich doch tapfer sein.“
Fluchttagebuch von Franziska Huppert, 1939: „Ich verlasse Wien um etwa ½ 3 h nachmittags. Ade mein Österreich! Wir erreichen Köln um etwa 9 h morgens. Besteigen den Zug nach Aachen. In Aachen Grenzkontrolle. Strenge Gepäck- und Leibesvisite. Wir passieren die Grenze. Soll ich jauchzen? O, bloß tief aufatmen und meinen Blick über die freie Natur schweifen lassen die nun auch für mich wieder frei zugänglich ist? Ich versinke in einen Dämmerzustand, spreche und lache, fühle aber daß mich alles wie ein Traum umgibt. Wir verlassen den Zug. Es regnet, ist kühl und feucht und ich glaube, ich kann die schweren Koffer nie und nimmer bis zum Dampfer schleppen. Ganz übel wird mir, als ich mir auf dem schwankenden Schiff einen Platz suche. Ich atme im Wellengange und werde aus diesem Grunde nicht seekrank. Fühle mich direkt wohl. Schlafe ein, wache auf und fühle mich so übel. Muß ich brechen oder nicht? Oh bitte nicht! Ich beherrsche mich und richte mich mit äußerster Anstrengung zum Aussteigen zusammen. Auf Deck weht ein kalter, feuchter Wind. Wir landen. Menschen, Träger, englische Laute. Paß, Permitkontrolle, Arzt. Zug nach London.“
Barbara Baumgartner, Jänner 1875: „Wir haben halt in dem Geschäft in der Josefstadt beinahe die Hälfte unseres Vermögens eingebüßt, theils durch schlechten Geschäftsgang, dann durch die lange Hinauszieherei des Verkaufes, durch die Inventur beim Verkaufe und meistens durch uneinbringliche Forderungen. Das alles zusammen mit unseren früheren großen Verlusten vereinbart, bringt oft recht arge Geldklemmen mit sich, was dann freilich oft kein Wunder ist, wenn man nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Darum ist zu solchen Stunden mein größter und einziger Trost mein süßes Kind. O möchte ihm einst der dornenvolle Pfad eines Geschäftsmanns erspart sein.“
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