Gender-Medizin
Die Geschlechter haben unterschiedliche klinische und sozialmedizinische Bedürfnisse. „Gender-Medizin“ soll das verstärkt berücksichtigen.
Gender-Medizin beschäftigt sich mit der maßgeschneiderten Medizin für Männer und Frauen.
Die amerikanische Ärztin Marianne Legato bringt es auf den Punkt: „Die meisten Ärztinnen und Ärzte neigen dazu, alle ihre Patientinnen und Patienten so zu behandeln, als gäbe es nur ein Geschlecht: das männliche.“ Das Problem ist, dass das keinen Sinn ergibt. Wichtige Unterschiede wie Größe, Statur, Hormonhaushalt und die gesamte Biochemie bleiben dabei unberücksichtigt. Die Ärztin führt das Problem größtenteils auf die Art der medizinischen Ausbildung zurück.
„Die Medizin wurde bisher so betrieben, als ob allein die Brüste, die Gebärmutter und die Eierstöcke spezifisch weiblich seien – und als ob ihr Herz, ihr Gehirn und jeder andere Teil des Körpers identisch wären mit denen des Mannes.“
Pionierin der Gender-Medizin
Legato ist eine Pionierin auf dem Gebiet der Gender-Medizin – einer für Frauen und Männer maßgeschneiderten Medizin, die die geschlechtsspezifischen Aspekte berücksichtigt. Sie brachte den Stein ins Rollen, indem sie Bücher über die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern schrieb, etwa „Evas Rippe. Die Entdeckung der weiblichen Medizin“.
Sie trug dazu bei, dass heute ernsthaft über die biologischen Unterschiede diskutiert wird, ohne in Klischees abzudriften – denn Gender-Medizin müsse streng vom Feminismus getrennt werden.
Von der Forschung profitieren beide Geschlechter
Gender-Medizin ist komplex: Es ist eine umfassende Disziplin, in der klinische und sozialmedizinische Aspekte in Einklang gebracht werden müssen – Sex und Gender, wie amerikanische Gesundheitsbehörden immer öfter betonen: biologisches und soziales Geschlecht. Oft sind es nämlich auch Lebensumstände, die unterschiedliche Krankheitshäufigkeiten erzeugen können. Warum beispielsweise erkranken muslimische Frauen in den Tropen weniger oft an Malaria? Sind sie widerstandsfähiger oder durch ihre Verhüllung besser vor Moskitostichen geschützt?
Mittlerweile hat Gender-Medizin auch an der Medizinischen Universität Wien eine Stabsstelle erhalten. Die junge Disziplin konzentriert sich derzeit noch auf Lehre und Wissenschaft. Alexandra Kautzky-Willer ist die erste Professorin für Gender-Medizin an der MedUni Wien. Sie gibt zu bedenken: „Viele Medikamente wurden bislang hauptsächlich an Männern getestet. Aufgrund der biologischen Unterschiede, wie Körper- und Organgröße, Körperfettverteilung und Muskelmasse, Ausscheidung über die Niere, Abbau von Medikamenten über die Leber, sprechen Frauen aber auf viele Medikamente anders an.“ Die Forschungsergebnisse sollen künftig verstärkt in die Betreuung der PatientInnen einfließen. Die Internistin entdeckte zum Beispiel Unterschiede in der Diagnose, bei der Entstehung und im Verlauf von Diabetes bei Frauen und Männern.
ÄrztInnen werden sensibilisiert
Kooperationen gibt es auch mit Gemeindespitälern. Am Krankenhaus Hietzing läuft eine Studie zu Stoffwechselerkrankungen – mit Männern. Mit dem Wilhelminenspital finden Untersuchungen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Projekte mit MigrantInnen statt. Eng wird auch mit der Frauengesundheitsbeauftragten der Stadt Wien, Beate Wimmer-Puchinger, zusammengearbeitet.
Mit ihr wurde die Idee einer jährlichen Veranstaltung zum Thema Gender-Medizin entwickelt. Dadurch sollen ÄrztInnen für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin sensibilisiert werden. Eine Fachtagung im November 2010 war der Auftakt.
„Spezifische Diagnosen und Therapien“
Die Wiener Psychiaterin Gabriele Fischer beschreibt, dass viele Erkrankungen ungleich unter den Geschlechtern verteilt sind oder andere Verläufe zeigen. Dazu zählen Asthma, Multiple Sklerose, Rheuma, Migräne und Depressionen. Fischer: „Das erfordert auch spezifische Zugänge in Diagnose und Therapie.“
Von Gender-Medizin profitieren beide Geschlechter. So werden Erkrankungen wie Osteoporose oder Depressionen eher Frauen zugeschrieben und bei Männern weniger oft erkannt. Grund dafür sind auch überlieferte Rollenbilder.