Wie bitte?
Knapp 50 Prozent der über 50-Jährigen sind schwerhörig, nicht alle können sich aber für ein Hörgerät entscheiden. Herwig Swoboda erklärt, wie Hörschäden entstehen und warum sie anders wahrgenommen werden als schlechtes Sehen.
Schlecht hören muss nicht sein!
Leben & Freude: Warum beginnt man ab einem gewissen Alter schlecht zu hören?
Herwig Swoboda (Abteilungsvorstand der Hals-, Nasen-, Ohrenabteilung im Krankenhaus Hietzing): Weil man die Nase voll davon hat, was die anderen sagen. Nein, Spaß beiseite: Unser Gehörsinn ist sehr speziell und empfindlich. Das Sinnesorgan Innenohr kann sich unterschiedlich stark abnutzen. Ab dem Alter von rund 50 Jahren hören sehr viele Menschen schlechter.
Wie funktioniert das Hören grundsätzlich?
Der Schall wird von der Ohrmuschel aufgefangen und gelangt durch den Gehörgang zum Trommelfell. Das Trommelfell beginnt durch den Schall zu vibrieren. Die Gehörknochen Hammer, Amboss und Steigbügel werden ebenfalls in Bewegung versetzt. Der Steigbügel transportiert dann die Vibration in das Innenohr. In der Schnecke wird die Bewegung der Innenohrflüssigkeit von den 16.000 Haarsinneszellen in ein Nervensignal umgewandelt. Über den Hörnerv gelangt das elektrische Signal zum Hörzentrum des Gehirns. Auf dem Weg zum Gehirn werden die Nervenimpulse ausgewertet und interpretiert. Es entsteht eine Hörwahrnehmung.
Welche Gründe kann es haben, wenn man schlechter hört?
Schlechtes genetisches Material kann Hörschäden natürlich begünstigen. Und manche Antibiotika können schlechtes Hören auslösen. Bei jüngeren Leuten ist es oft die zu hohe Schallbelastung, die Schwerhörigkeit auslöst. Erstes Zeichen ist ein Ohrenrauschen – zum Beispiel nach dem Discobesuch. Normalerweise lässt das aber wieder nach. Schlimm sind auch kurze laute Geräusche. Wer zum Beispiel ohne Ohrenschutz schießt, belastet das Ohr sehr. Die Folge kann sein, dass die Härchen im Innenohr sich stark umbiegen und quasi abbrechen und ihre Funktion nicht mehr gut erfüllen können.
Ab welchen Grenzwerten ist man gefährdet?
Wer einer beruflichen Dauereinwirkung von mehr als 85 Dezibel ausgesetzt ist – zum Beispiel in einer Werkshalle – kann auf Dauer Hörschäden bekommen. Im Freizeitbereich wird es ab der Lautstärke eines Motorrades oder einer Kettensäge gefährlich.
Wie sollten Partnerinnen bzw. Partner oder Angehörige reagieren, wenn sie merken, dass jemand beginnt schlechter zu hören?
Zuerst ist einmal wichtig, die Krankheit zu erkennen. Viele Menschen ziehen sich zurück, wenn sie schlecht hören. Sie nehmen an der Gesellschaft nicht mehr teil. Das wird manchmal als Depression oder Demenz missgedeutet.
Wie empfindet ein Hörgeschädigter oder eine Hörgeschädigte Geräusche?
Einerseits sind die Geräusche leiser. Das ist aber nicht das Hauptproblem. Unser Gehör hat auch die Funktion, Geräusche zu filtern. Unwichtige von wichtigen zu unterscheiden und nur wichtige Geräusche zu verstärken. Wenn zu viele Nebengeräusche die gesprochene Sprache überlagern, ist das sehr verwirrend. Die Betroffenen verstehen den Sinn des Gesagten nicht richtig.
Wie spricht man am besten mit einer Person, die schlecht hört?
Bei Feiern oder in einem Restaurant ist zu bedenken: nicht alle gleichzeitig reden, die Person direkt ansehen und ansprechen. Daheim den Fernseher ausschalten, wenn man spricht. Nicht zu schnell sprechen.
Warum ist die Hemmschwelle so hoch, ein Hörgerät zu verwenden?
Im Gegensatz zu einer Brille – die Intelligenz suggeriert – sind mit einem Hörgerät eher negative Attribute verbunden: nicht verstehen, langsam sein, dumm sein. Natürlich völlig zu Unrecht. Außerdem sind die Hörgeräte heute technisch schon sehr weit fortgeschritten. Viele sind bereits so klein, dass man sie im Ohr kaum sieht.
Wie findet man das passende Hörgerät?
In Zusammenarbeit mit dem Hörgeräteakustiker und der Ärztin oder dem Arzt. Der erste Weg sollte auf jeden Fall zur Fachmedizinerin bzw. zum Fachmediziner führen. Dort wird festgestellt, wo das Problem liegt. Die Feineinstellung passiert dann im Fachgeschäft. Jeder Mensch hat beim Hören andere Bedürfnisse und empfindet Geräusche anders. Das muss genau angepasst werden. Die Patientin bzw. der Patient sollte sich nicht scheuen, mehrere Geräte auszuprobieren, bis das perfekte Hörgerät gefunden ist. Später ist die regelmäßige Kontrolle und Reinigung wichtig.