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Dunkelziffer bei familiärer Gewalt ist sehr hoch
„Leben & Freude“ hat mit Barbara Michalek, der Leiterin des 24-Stunden Frauennotrufs der Stadt Wien, gesprochen.
Leben & Freude: Wie viele Frauen werden Opfer von Gewalt?
Barbara Michalek: Die Dunkelziffer bei familiärer Gewalt ist sehr hoch. Studienergebnisse lassen jedoch darauf schließen, dass jede fünfte Frau einmal Gewalt in einer Beziehung erlebt.
Laut der Studie „Partnergewalt bei älteren Frauen“ fördern Veränderungen im Leben den Ausbruch von Gewalt. Als ein kritischer Zeitpunkt wird die Pensionierung angeführt. Sind Gewaltausbrüche immer spontan oder gibt es dafür Anzeichen?
Ja, das stimmt. Wir beobachten, dass Abschnitte, in denen sich das Leben verändert, Gewalt besonders fördern. Der Übergang in die Pension ist so ein Abschnitt. Allerdings ist mir kein Fall bekannt, bei dem Gewalt in einer langjährigen partnerschaftlichen Beziehung erstmals im Alter auftrat. Es gab zuvor immer schon Anzeichen wie zum Beispiel, dass der Mann sehr kontrollierend, eifersüchtig und einschränkend war. Bei einer Veränderung im Leben kann sich auch die Form der Gewalt ändern, plötzlich schlägt er zu.
Sie leiten den Frauennotruf. Wie viele ältere Frauen wenden sich an den Frauennotruf?
Grundsätzlich beraten und betreuen wir Frauen und Mädchen ab 14 Jahren. Unsere Beratung ist kostenlos und anonym. Wir erheben das Alter erst, wenn wir eine Frau persönlich betreuen. Die am häufigsten vertretene Altersgruppe unserer Klientinnen ist die der 20- bis 29-Jährigen (29 %) gefolgt von der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen (25 %). Der Anteil der über 65-Jährigen ist sehr gering (1–2 %). Der Grund dafür ist, dass ältere Frauen schwerer Hilfe annehmen. Sie sind es nicht gewohnt, sich helfen zu lassen, bzw. fehlt es ihnen oft an Informationen, wohin sie sich wenden könnten. Außerdem scheuen sie sich davor, über das Thema Gewalt zu sprechen, die Schamgefühle sind oft enorm. Wir erleben immer wieder, dass Anruferinnen zuerst davon erzählen, dass sie ihr Ehemann nervt. Erst bei längerer Beratung kommen sie auf das eigentliche Thema Gewalt zu sprechen. Sehr mit Scham besetzt ist auch das Thema sexuelle Gewalt. Sexuelle Gewalt wird von älteren Frauen so gut wie nie angesprochen, obwohl aus Studien bekannt ist, dass ältere Frauen in Partnerschaften von allen Formen der Gewalt (psychische, körperliche, sexuelle und finanzielle Gewalt) betroffen sind. Gewalt hört im Alter nicht auf, sie verändert sich aber, meistens wird sie massiver. Es kommen die Faktoren Pflegebedürftigkeit und körperliche Gebrechlichkeit hinzu. Frauen, die im Alter misshandelt werden, haben ein höheres Risiko, schwer verletzt zu werden, zum Beispiel ein Oberschenkelhalsbruch.
Warum ist es für ältere Frauen besonders schwer, sich von ihrem Mann zu trennen?
Die Frauen leben meist schon sehr lange in der Gewaltbeziehung. Sie haben Strategien entwickelt, damit umzugehen. Meist handeln sie präventiv. Das heißt, sie versuchen, Situationen, die Gewalt auslösen könnten, aus dem Weg zu gehen und sich den Wünschen des Mannes vollkommen unterzuordnen. Das Problem dabei ist: Es funktioniert nicht, denn irgendeinen Grund gibt es immer. Darüber hinaus identifizieren sich die Frauen zu einem hohen Grad mit dem Denken und der Logik des Täters. Sie suchen die Schuld bei sich und denken „Ich bin selbst schuld“, denn die Suppe war wirklich zu heiß oder zu kalt. Außerdem plagen die meisten Frauen in Bezug auf eine Trennung extreme Schuldgefühle, besonders wenn der Partner pflegebedürftig ist. Sie fragen sich zum Beispiel, wer ihm dann den Haushalt führt. Auch ökonomische Gründe sind oft ein großes Hindernis für Frauen, sich zu trennen.
Welche Rolle spielen erwachsene Kinder?
Der Erstkontakt zum Frauennotruf erfolgt häufig über die Kinder. Diese können irgendwann nicht mehr zuschauen und meinen, der Zeitpunkt für eine Trennung sei gekommen. Meist haben sie Angst um die Mutter oder sie wollen, dass diese noch einige Jahre frei und selbstbestimmt leben kann. Wir merken aber auch, dass Kinder oft gespalten sind. Sie haben auch Angst, was auf sie zukommt. Wenn sich die Eltern trennen, müssen sie sich die Fragen stellen: Wie geht es weiter? Muss ich mich dann um beide Elternteile kümmern? – Diese Fragen stellen sich besonders, wenn einer oder beide pflegebedürftig sind.
Was passiert, wenn ich mich an den Frauennotruf bzw. an ein Frauenhaus wende?
Der Erstkontakt erfolgt telefonisch. Wer möchte, kann zu einer persönlichen Beratung kommen. Wir bieten auch eine Begleitung über einen längeren Zeitraum an. Manche Frauen wollen sich einfach aussprechen oder es ist ihnen ein Anliegen, sich kleine Freiräume in der Beziehung zu schaffen. Zum Beispiel bei ihrem Ehemann durchzusetzen, dass sie regelmäßig mit einer Freundin auf einen Kaffee gehen können oder ein Instrument lernen können.
Andere wiederum befinden sich in einer akuten Krisensituation, in der ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Hier bieten wir Unterstützung bei der Einleitung von rechtlichen Schritten wie den Partner nach dem Gewaltschutzgesetz von der Polizei wegweisen zu lassen. Er darf die Wohnung dann zwei Wochen lang nicht betreten. Eine andere Möglichkeit ist, die Frau dabei zu unterstützen, vorübergehend in ein Frauenhaus zu ziehen. Dort kann sie in Ruhe und in Sicherheit überlegen, wie es weitergehen soll. Wir können in Fragen beraten wie: Wie können wir uns trennen, ohne uns scheiden zu lassen? Oder: Welche öffentlichen Einrichtungen bieten Hilfe an? Könnte einer der Partner in ein Pensionisten-Wohnhaus, ein Obdachlosenhaus oder in eine sonstige Einrichtung einziehen? Könnte der pflegebedürftige Partner durch mobile Dienste betreut werden?
Wichtig ist: Wir beraten die Frauen. Sie entscheiden letztlich aber selbst, welche Schritte sie setzen. Wir üben keinerlei Druck aus.
Was kann man als Angehöriger oder Freundin bzw. Freund tun, wenn man glaubt, dass bei einem Paar Gewalt im Spiel ist?
Wenn jemand merkt, dass eine Frau Opfer von Gewalt ist, sollte man mit ihr in Ruhe reden. Zum Beispiel könnte man sagen: „Mir fällt auf, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich würde dich gerne unterstützen, deine Situation zu verändern. Überlegen wir, welche Schritte für dich vorstellbar sind und welche Hilfe es dabei gibt.“ Angehörige oder Außenstehende haben oft Angst, etwas falsch zu machen. Aber: Sie können nichts falsch machen. Das einzig Falsche ist wegzuschauen. Opfer tendieren dazu, Gewalt zu verharmlosen oder zu verleugnen. Oft schämen sie sich oder wollen es selbst nicht wahrhaben. Wichtig ist hier, das Thema immer wieder anzusprechen und dem Opfer klar die Augen zu öffnen. Auch Angehörige finden beim Frauennotruf Rat und Unterstützung in dieser schwierigen Situation. Ein Gespräch mit dem Täter bringt in den meisten Fällen nichts.
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