Terisch
Dolores Schmidinger
„Mama“, sagt meine Tochter Therese, „Mama, du wirst langsam terisch. Du hast den Fernseher schon so laut wie früher der Opa!“ „Terisch“ ist ein schönes Wort. Viel schöner als das hochdeutsche „schwerhörig“. „Terisch“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen – „toerisch“ wie ein Tor.
Heutzutage braucht man nicht töricht sein, denn es gibt Hörgeräte. Mein Vater bekam eins, in den Neunzigern, im stolzen Alter von 89. Er war damals schon ein bisserl eigen und weigerte sich, die Batterien zu wechseln. „Du musst dir neue Batterien kaufen, Opa!“ wurde weggewischt mit einem unwirschen „Aber was, die Gfraster geben mir immer gebrauchte!“. Sein Fernseher lief so laut, dass die Nachbarin sich beschwerte. Er wiederum beschuldigte sie, in der Nacht einzubrechen und den Fernseher leiser zu stellen.
Ich mache einen Hörtest und der Arzt reicht mir ein Blatt Papier, das ausschaut wie eine Statistik von rapide fallenden Aktien. Das ist mein linkes Ohr und seine schwindende Hörfähigkeit. Ich fühle mich um zehn Jahre gealtert. „Aber das haben auch die Jüngeren“, sagt der Arzt, „das ist berufsbedingt! Ich hab zum Beispiel einen Philharmoniker, der hört fast gar nix mehr.“ „I brauch’ also ein Hörgerät.“ „Noch nicht“, sagt der Arzt, „kommen’S wieder in einem Jahr.“
In den Achtzigern noch gab es in Nachmittagsvorstellungen, die hauptsächlich von Seniorinnen und Senioren besucht wurden, wahre Piepkonzerte, weil die Hörgeräte Rückkoppelungen auslösten. Mittlerweile sind die Dinger technisch ausgereift und pfeifen nicht mehr. Dennoch zögert man, sich eines anzuschaffen.
„Aber Mama“, tröstet mich meine Tochter Sophie, „ich hör’ auf dem rechten Ohr auch schon schlecht!“ „Um Gottes Willen, das sind die Gene!“ „Nein“, erwidert die Sophie, „das ist von der Musik aus den Kopfhörern!“
Und da tut sich eine Marktlücke auf. Zahnspangen zum Beispiel, einst so gefürchtet von Kindern und Jugendlichen, werden mit Stolz getragen. In verschiedenen Farben, mit und ohne Glitzereffekt.
Und es ist zu erwarten, dass die Menschen wegen permanenter Beschallung durch ihre Kopfhörer schon in jugendlichem Alter terisch werden. Deshalb werden Hörgeräte bald in raffiniertem Design auf den Markt gebracht werden. Stolz wird man sie tragen, in verschiedenen Farben, mit und ohne Glitzereffekt, getupft, kariert, mit Gänseblümchen oder Totenkopf. Hoffentlich schon in einem Jahr.