Wenn Pflegen zur Belastung wird
Gewalt in den eigenen vier Wänden ist keine Ausnahmeerscheinung. Zu den Opfern zählen nicht nur Frauen und Kinder. Immer häufiger kommt es auch bei älteren, pflegebedürftigen Menschen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.
Immer häufiger kommt es bei älteren, pflegebedürftigen Menschen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Wo fängt Gewalt an?
Die WHO geht davon aus, dass vier bis sechs Prozent der Pflegebedürftigen ein Mal jährlich häusliche Gewalt erfahren. „Leben & Freude“ hat mit Monika Wild vom Roten Kreuz gesprochen. Sie ist diplomierte Krankenschwester, arbeitet seit 15 Jahren beim Österreichischen Roten Kreuz und leitet dort den Bereich Gesundheits- und Soziale Dienste.
Leben & Freude: Was ist Gewalt?
Monika Wild: Grundsätzlich ist es sehr schwierig, eine umfassende Definition von Gewalt zu finden. Im Weltbericht der WHO findet man eine Erklärung dazu. Man unterscheidet im Pflegebereich in erster Linie zwischen physischer und psychischer Gewalt. Das Schlimme daran ist aber, dass man nie Zeugin bzw. Zeuge der Gewalt ist. Die Pflegebedürftigen sind auf die Aufmerksamkeit der Pflegerinnen und Pfleger angewiesen. Man muss Indizien für Gewalt erkennen können und dementsprechend handeln. Es wird auch sehr häufig von finanzieller Gewalt berichtet. Die Pflegebedürftigen werden vernachlässigt, ihnen wird nichts mehr gekauft etc. Das geht bis zur Verwahrlosung. Weitere Beeinträchtigungen erfahren ältere Menschen in ihrer Mobilität. Betroffene müssen oft nach starren Tagesabläufen leben und werden in ihrer persönlichen Freiheit stark eingeschränkt. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, ist die Schulung von Pflegerinnen und Pflegern besonders wichtig. Die Sinne müssen geschärft werden, damit bestehende Gewalt erkannt wird und entsprechende Handlungsstrategien entwickelt werden.
Wie erkennen pflegende Angehörige negative Entwicklungen bei sich selbst?
Die Pflege eines Verwandten kann mitunter sehr anstrengend sein. Daher ist es umso wichtiger, Freude an seiner Arbeit zu haben. Wenn man die Pflege eines Menschen nur noch als belastend oder anstrengend empfindet, dann besteht Handlungsbedarf. Es herrscht aber auch häufig ein gewisser gesellschaftlicher Zwang, der es verlangt, dass man sich um ältere, pflegebedürftige Menschen kümmert. Wenn hinter der Motivation nur noch Pflichtgefühl oder ein persönlich erlebter Zwang steckt, dann sollte man sich dringend Unterstützung holen. Grundsätzlich sollten alle pflegenden Angehörigen die nötige Hilfe ins Hausholen!
Was können pflegende Angehörige tun, damit es gar nicht erst zu Gewalt kommt?
Man muss sich unbedingt Freiräume schaffen, auch einmal entspannen und Nein sagen können. Viele Pflegende finden zum Beispiel in Selbsthilfegruppen oder bei Pflegestammtischen die nötige Entlastung. Dabei können sie über vorhandene Probleme sprechen und gemeinsam Lösungsstrategien entwickeln. Der Austausch untereinander ist sehr wichtig und hilft den Betroffenen, mit der Situation besser klarzukommen. Das Rote Kreuz betrachtet Angehörige und Pflegebedürftige gleichermaßen als Opfer. Wichtig ist, keine Scham zu haben, mit Gleichgesinnten zu reden und sich auszutauschen. Die Kommunikation untereinander macht viele Situationen einfacher und hilft dabei, Erlebnisse besser zu verarbeiten. Informationen und Adressen dazu sind beim Österreichischen Roten Kreuz aufliegend.
Gibt es Studien über Ausmaß und Größenordnung von Gewalt im Pflegebereich?
In Österreich liegen dazu noch keine Studien vor. Laut Weltgesundheitsorganisation erleben etwa vier bis sechs Prozent der Menschen ein Mal jährlich häusliche Gewalt. In Studien aus Großbritannien und Amerika geht man von zehn Prozent aus.
Welche Faktoren begünstigen die Entstehung von Gewalt?
Grundsätzlich ist Gewalt gegen ältere Menschen überall zu finden. Eine vorbelastete Familiengeschichte, soziale Isolation, schlechte Wohnverhältnisse oder das Vorliegen einer bestimmten Suchtproblematik können angespannte Situationen verstärken. Daher muss besonders in diesen Situationen frühzeitig Unterstützung geboten werden.
Was kann ich tun, wenn ich selbst pflegebedürftig bin?
Die Möglichkeiten sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Wien ist die mobile Pflege und Betreuung sehr gut ausgebaut und es gibt ausreichend finanzielle Unterstützung. Hinzu kommen 24-Stunden-Betreuungsdienste und das Pflegegeld als Unterstützung. Eine Anlaufstelle für jene Menschen, die Hilfe benötigen, findet man im Fond Soziales Wien (FSW), in Beratungszentren für Pflege und Betreuung zu Hause oder auch beim SozialRuf Wien.
Wenn Pflegerinnen und Pfleger häusliche Gewalt feststellen, wie gehen sie dann vor?
Sehr häufig stecken Pflegerinnen und Pfleger in einer Zwickmühle, da sie nicht wissen, wann sie welche Situation melden müssen. Oftmals wird ihnen etwas anvertraut, dass sie aufgrund ihrer Verschwiegenheitspflicht nicht weitergeben dürfen. Andererseits sieht das Gesetz in bestimmten Fällen eine Anzeigepflicht vor. In erster Linie ist es für Pflegende wichtig, eine Ansprechperson zu haben. Jemanden, der über das notwendige Wissen verfügt, um in kritischen Situationen richtig zu handeln. Man wendet sich an geschultes Personal, besucht die Betroffenen zu Hause und versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden. Bei wirklich schwerer Gewalt ist die professionelle Betreuungsperson dazu verpflichtet, diese zu melden und anzuzeigen.
Was kann präventiv getan werden?
Um Gewaltsituationen zu verhindern, sind interne Weiterbildungsmaßnahmen und Schulungen des Pflegepersonals sehr wichtig. Nur so kann die Qualität der Betreuung und Unterstützung gesichert werden. Außerdem sollte das Betreuungsangebot ausgebaut werden, sodass professionelle Pflege, aber auch das Pflegen zu Hause zu keiner Belastung werden.